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Mit kühlem Kopf nach der Flut

Problemstellung: Bauwerksverlust durch Hochwasser

Als im Juli 2021 eine gewaltige Flut das Ahrtal heimsuchte, blieb kein Stein auf dem anderen. Im Bereich der Verkehrsinfrastruktur waren besonders die Brücken stark betroffen. Von insgesamt 112 Brücken im Ahrtal wurden 62 vollständig zerstört und weitere 13 erheblich beschädigt. Nur rund ein Drittel war einen Monat nach dem Ereignis wieder funktionsfähig. Auch zahlreiche Straßenabschnitte wurden unterspült oder durch Hangrutschungen unpassierbar.

In Zusammenarbeit mit dem Technischen Hilfswerk wurden für die am dringendsten erforderlichen Ahrquerungen in kürzester Zeit insgesamt 24 Behelfsbrücken beplant und errichtet. Bereits Anfang August 2021 stand bereits eine davon in der Ortsmitte von Dernau, um die zerstörte Weinbaubrücke so lange zu ersetzen, bis diese wieder neu errichtet werden konnte.

Bauprojekt: Weinbaubrücke Dernau

Der Wiederaufbau dieser Brücke ist ein besonders eindrucksvolles Beispiel von ingenieurmäßigem und pragmatischem Handeln. Das ursprünglich aus Stahlbeton bestehende Bauwerk verband den nördlichen mit dem südlichen Ortsteil. Die Brücke wurde vollständig zerstört.

Der Wiederaufbau war dringend und komplex: Im Norden grenzte die für den Wiederaufbau geplante Bahnstrecke direkt an das Baufeld, im Süden verläuft der Ahrweg mit Anwohnerhäusern und dem Stammhaus der Weinmanufaktur Dagernova, einer großen Winzergenossenschaft, welcher während der gesamten Bauzeit uneingeschränkt befahrbar bleiben musste. Die Brücke kommt hier direkt an einer Straßenkreuzung an, daher war der Überbau bereits im Bestand stark aufgeweitet, um die erforderlichen Schleppkurven einhalten zu können.

Zu den engen Platzverhältnissen kam eine schwierige Straßengradiente und ein entscheidender Faktor: Sobald die Bahnstrecke wieder in Betrieb genommen würde, wäre ein nachträglicher Brückenbau aufgrund fehlender Zuwegung faktisch ausgeschlossen gewesen. Es gab also ein knappes Zeitfenster und die Notwendigkeit, ohne Umwege ins Handeln zu kommen.

Bemerkenswert war der Geist der Zusammenarbeit: Die Gemeinde, allen voran der Bürgermeister der Ortsgemeinde, handelte entschlossen und unbürokratisch. Die Vergabe der Bauleistung erfolgte auf funktionaler Basis, das Bauunternehmen legte ein pauschales Angebot vor. Es ging nicht um Formalitäten, sondern darum, gemeinsam möglich zu machen, was unter normalen Umständen Monate gedauert hätte.

Lösungsansatz und Umsetzung: Vollintegraler Neubau mit gezielter Risikominimierung

Die planenden Ingenieure entschieden sich für eine zweifeldrige vollintegrale Brückenkonstruktion mit Stahlverbundüberbau, die den größtmöglichen Abflussquerschnitt der Ahr bot und außerdem ohne Traggerüst hergestellt werden konnte. Die Spannweiten der beiden Felder betragen 22,75 und 15,64 m.

Die bootsförmige Ausbildung des Mittelpfeilers, der außerhalb des Hauptstroms angeordnet wurde, erwies sich dabei nicht nur als gestalterisch ansprechend, sondern vor allem als strömungsgünstig. In Kombination mit einer Tiefgründung wurde das Risiko von Auskolkungen – die häufigste Versagensursache bei den im Ahrtal zerstörten Brücken – gezielt minimiert.

Zielführend für den Projektablauf war auch die frühzeitige Abstimmung mit den zuständigen Behörden: Da das Bauwerk aus topografischen Gründen nicht auf HQ100-Niveau angehoben werden konnte, wurde es in enger Abstimmung als überströmbares Bauwerk geplant. Die notwendigen Abstimmungen fanden bereits in der Vorplanung statt – ein gutes Beispiel für lösungsorientierte Zusammenarbeit statt bürokratischer Blockade.

Kurze Wege und eine unkonventionelle Ausschreibung führten zu einer Planungszeit von unter einem Jahr.

Die kurzen Wege und die unkonventionelle Ausschreibung führten zu einer Planungszeit von der Grundlagenermittlung bis zur Auftragsvergabe von unter einem Jahr. Durch den Einsatz der Baufirma und das zielorientierte Miteinander konnte die Umsetzung der Maßnahme bis zur Verkehrsfreigabe in zwölf Monaten planmäßig realisiert werden. Dadurch konnte das große Ziel – Fertigstellung des Bauwerks vor Wiedereröffnung der Ahrtalbahn - umgesetzt werden. Die Weinbaubrücke ist außerdem die erste kommunale Straßenbrücke im Ahrtal, die wiedererrichtet wurde.

Fazit und Learning: Haltung vor Vorschrift

Die Weinbaubrücke in Dernau zeigt, was möglich ist, wenn Fachverstand auf Entscheidungsfreude trifft. Statt sich hinter Paragraphen zu verstecken, wurde Verantwortung übernommen. Statt Abläufe zu verkomplizieren, wurden klare Entscheidungen getroffen – auf Amtsseite. Und statt sich in Verfahrensfragen zu verlieren, haben Bauingenieure das getan, was sie auszeichnet: Sie haben mit technischem Know-how, ruhigem Kopf und lösungsorientiertem Denken dafür gesorgt, dass ein wichtiges Bauwerk in kürzester Zeit wieder nutzbar wurde.

    Nicht jedes Problem braucht ein Formular – manche brauchen einfach eine Lösung.

Was bleibt, ist mehr als ein gelungenes Projekt. Es ist ein Beispiel für einen anderen Umgang mit Ausnahmesituationen – und ein Plädoyer für mehr Vertrauen in Ingenieurinnen und Ingenieure. Krisen verlangen keine Vollständigkeit von Akten, sondern die Klarheit im Handeln. Nicht jedes Problem braucht ein Formular – manche brauchen einfach eine Lösung.

Leider kam aber der Amtsschimmel ziemlich schnell ins Ahrtal zurückgeritten. Die neueren Projekte lassen deutlich weniger der Aufbruchstimmung und des Miteinander-Etwas-Bewirken Wollens spüren. Es zeichnen sich wieder die üblichen zähen Verhandlungen mit Behörden ab, die Entscheidungsfreude lässt schon deutlich nach – dabei fehlen im Wiederaufbau noch alle Straßenbrücken – bis auf eine, die damit schon Denkmal und Mahnmal zugleich ist. |

Beitrag der PlannIng GmbH von Magdalena Dimler M.Sc. und Dipl.-Ing. Jens Heckenbach für www.bauingenieur24.de